Ein zauberhaftes Wesen…
McMurphy 22. Januar 2008
Aloha Leidensgenossen,
heute möchte ich euch von einer Begegnung mit einem Lebewesen aus einer längst vergangenen Zeit berichten.
Natürlich dient die nachfolgende Beschreibung der Ereignisse in erster Linie dazu, meinen Bedarf an Beruhigungs- und “Ach-Ist-Die-Welt-Schön”-Pillen zu verringern.
Der erste Teil der Eskalation trug sich bereits vor Tagen zu und wurde gestern noch einmal mit einer Zusatzeskalation gedeckelt.
Die Vorgeschichte:
die Strecke zwischen meiner Arbeitsstelle und meiner Wohnung beträgt lächerliche 20km. Aber für diese 20km benötigt man an bestimmten, vom Schicksal ausgewählten Tagen mehr Zeit, als für einen Flug von Dortmund nach Mallorca.
Es war wieder einer dieser Tage. Endlos zog sich die Heimfahrt hin und der Verkehr verdichtete sich je weiter man sich der Stadtgrenze von Lünen näherte. Es erschien fast so, als wenn während meiner Arbeitszeit an der Stadtgrenze eine Mautstation oder ein Grenzhäuschen von fleissigen Zöllnern errichtet worden war, die nun jeden Reisenden nach seiner Motivation der Einreise in Lünen befragten.
Gut, es ging fast eine Zarrette nach der anderen durch, denn im Gegensatz zum stockenden Verkehr verglimmten die ollen Lasterstengel schon kurz nach dem Anzünden.
An dieser Stelle muss ich von einem großartigen Detail der japanischen Autobaukunst berichten: mein Auto hat keinen Aschenbecher, es kann auch keiner nachgerüstet werden. Dafür spendierte man dem Hobel eine Bose-Anlage inkl. Kassettendeck. Alleine dieser Umstand ist schon mal nicht wegzudiskutieren. Mir scheint es zwar so, als wenn die flinken Designerfinger der kleinen japanischen Bastler an viele Details gedacht haben und dem Gefährt meiner Meinung nach auch diverse Halterungen für Opiumpfeifen und so’nem Kram spendiert haben, aber wie gesagt, der Aschenbecher fehlt.
So bin ich als Autofahr-Qualmer auf ein 1/4 geöffnetes Fenster angewiesen, durch das ich ab und an den Glimmstengel manövrieren muss, um ihn draussen im Fahrtwind zum Verabschieden der Asche zu bewegen. Das klappt hervorragend. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass doch ein heimlicher Raucher bei Nissan am werkeln war und die Ärodynamik speziell auf allerbeste Abasch-Vorgänge hin optimiert hat.
Kurz nach Überschreiten der Stadtgrenze sollte sich die einspurige Strasse in eine zweispurige verbreitern.
Nun kommt die eigentliche Eskalation: plötzlich und wie von Geisterhand bewegt, schoss ein ziemlich alter und klappriger Golf an mir vorbei, um dann auf meiner Höhe abrupt abzubremsen und das Seitenfenster herunterzulassen.
Drinnen erkannte ich einen weißhaarigen Typen mit einer ebenso silbrigen Pussibürste unter dem Riesenkolben, für den man zum Schnäuzen zwei bis drei Tempo-Taschentücher zusammentackern muss, damit man nicht in die Hände rotzt.
Dieser Typ, der bis vor kurzem noch Algen von der Höhlenwand geleckt hat, hielt sich anscheinend für den Belehrer der Menschheit, anscheinend konnten auch bekannte Größen wie Ghandi und Martin Luther King diesem zauberhaften Wesen nicht das Wasser reichen. Einzig seine Sprachwahl unterschied sich ein wenig von dem, was man erwartet hätte, denn nach einer kurzen, scheinbar freundlichen Nachfrage, ob denn mein Karren keinen Ascher hätte, legte dieser feine Herr so richtig los und holte alles aus seinem wahrscheinlich über die Jahrhunderte seiner kläglichen Existenz gepflegten Beschimpfungswörterbuch heraus.
Bereits nach vier Sätzen hatte er sämtliche im Bußgeldkatalog aufgeführten Begriffe genannt. Innerlich rief ich laut “Bingo!”.
Nach Herauswerfen der Kippe und Schließen des Fensters, konnte ich leider nicht mehr verstehen, ob sich seine Wort-Eskapaden nun wiederholten, oder ob er wirklich solch einen riesigen Schimpfwortschatz hat, dass dieser eine Ampelphase ohne Wiederholung überdauern konnte. Allerdings passte das nun vernehmbare Blubbern eher zu seiner wahren Herkunft aus der Höhle.
Die Grünphase beendete den Monolog und abschließend zeigte mir dieses feenhafte Wesen noch ein paar seiner Fahrkünste. Damit war dieser zauberhafte Moment erst einmal vorbei.
Aber man trifft sich ja immer zwei Mal im Leben und das Schicksal sorgt natürlich dafür, dass man solche Gestalten auch häufiger, teilweise täglich antreffen wird.
So ergab es sich gestern, dass mir dieses Höhlenwesen erneut an der selben Stelle begegnete. Allerdings fuhr ich gestern einen anderen Wagen, der darüber hinaus einen Aschenbecher besitzt. Und ja, das Schicksal steuert uns immer wieder in die passenden Positionen, wenn es um Rotphasen an der Ampel geht. Er bzw. es stand neben mir und schöpfte keinen Verdacht. Ich schaute mir die Hackfresse nochmal genauer an und versuchte mir die vielen Fragen wie z.B. “Wie schafft es so ein Kiemenatmer durch die Führerscheinprüfung?” selbst zu beantworten. Plötzlich schaut mich das Wesen an und nach endloser Leere in seinem Gesicht sehe ich, wie sich seine Schlagadern, durch die wahrscheinlich grünes Blut gepumpt wird, verdicken und pochern.
Zeit, das Fenster herunter zu kurbeln und den Worten aus einer vergangenen Zeit zu lauschen. So trug es sich dann auch zu.
Leider konnte ich lediglich eine Frage “Ob er heute auf der Weide wieder zu lange am Salzstein geleckt habe” loswerden, bevor die Ampel auf grün umschaltete. Es folgten wieder die bekannten Fahrmanöver und kurz darauf trennten sich unsere Wege erneut.
Aber machen wir uns doch mal nichts vor: dies ist der Beginn ein langen Freundschaft.
Euer McMurphy
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